ein gemeinsames Anliegen
                  ein gemeinsames Engagement

1.   Hintergrund und Ausgangslage

Wohnen bedeutet, sich an einem bestimmten Ort zuhause zu fühlen und die Art und Weise des Wohnens selber bestimmen zu können.

Eine eigene Wohnung zu haben, ist aber nicht für alle gleich einfach. Gerade für Menschen mit einer geistigen Behinderung scheint dieser Wunsch oft unerreichbar und ist heute weder eine Selbstverständlichkeit noch die Realität. Der Grossteil aller Menschen mit Behinderung lebt in Institutionen. Menschen mit Behinderung, welche für ein Leben in einer eigenen Wohnung auf Unterstützung angewiesen sind, haben in der Schweiz heute kaum Möglichkeiten, selbstbestimmt zu wohnen. Meist bleibt am Schluss nur die Heiminstitution, weil nicht alle Eltern oder Angehörige mit persönlichem und kostenlosem Einsatz ein unabhängiges Wohnen möglich machen können. Nur wenige können unter den aktuell vorherrschenden gesellschaftlichen und politischen Bedingungen ein selbstbestimmtes Leben (mit Assistenz) führen.

Aktuell bestehen viele Bestrebungen, diese Situation zu ändern und die Selbstbestimmung von Menschen mit kognitiver Behinderung beim Wohnen zu erhöhen.

So wird der Kanton Bern mit der Umsetzung des Behindertenkonzeptes und des neuen Behindertenleistungsgesetzes (BLG) per 1. Januar 2023 die Subjektfinanzierung für alle Menschen mit Behinderung einführen. Damit verfolgt der Kanton eine Vorreiterrolle, was die Stärkung der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung anbelangt. So werden nicht nur der Pflegebedarf, sondern auch der Unterstützungsbedarf für die gesellschaftliche Teilhabe ermittelt. Dadurch wird den Bedürfnissen von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung besser Rechnung getragen. Im Gegensatz zum Assistenzbeitrag sollen mit dem neuen Gesetz auch Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung einen Antrag auf Assistenzunterstützung stellen können. Insieme Kanton Bern ist mit Blick auf dieses fortschrittliche Modell in die Entwicklung dieses Wohnprojekts eingestiegen.

2.   Grundhaltung im Projekt

Dem Projekt liegt eine über dreijährige Entwicklung zugrunde, in dem sich die jungen Erwachsenen zusammen mit ihren Eltern unter der Projektleitung von insieme Kanton Bern und der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW als Projektbegleitung mit ihren Vorstellungen des selbständigen Wohnens auseinandergesetzt haben. Im Rahmen dieses Projekts wurden einerseits konkrete Formen der Organisation des Wohnprojekts als auch eine Grundhaltung zum selbstbestimmten Wohnen entwickelt:

-       Inklusion und Selbstbestimmung: In Abgrenzung zu Heimeinrichtungen im Behindertenbereich geht das Wohnprojekt von einem gemischten Wohnen aus und nicht von einer homogenen Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigung. Dazu gehört, dass sich die jungen Erwachsenen im Wohnprojekt die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner mit und ohne Behinderung aussuchen können. Privatsphäre ist sehr wichtig und doch freuen sich die jungen Erwachsenen über eine lebendige Nachbarschaft, in der man sich gegenseitig hilft.

-       Subjektfinanzierung: Das Wohnprojekt stützt sich auf die aktuellen Entwicklungen rund um die Subjektfinanzierung. Durch diese neue Form der Behindertenhilfe wird es möglich sein, dass Menschen mit einer Behinderung sich die benötigte Hilfe nicht nur stationär, sondern auch ambulant, sprich privatwohnend als Assistenzleistungen einkaufen können. Im Kanton Bern ist die Einführung ab 2023 geplant.

3.   Konzipierung

Ganz grundlegend bewegt sich das Wohnprojekt in einem politisch sehr aktuellen Rahmen. Es passt bestens zur Wohnstrategie der Stadt Bern von 2018, die vielfältigen Wohnraum für alle anstrebt, unabhängig von deren Einkommen, Alter, Herkunft, Religion, Geschlecht, Behinderung, Lebenslage oder Lebensstil.

3.1 Ziel des Projekts

Das Projekt „Selbstbestimmtes Wohnen“ von insieme Kanton Bern verfolgt das Ziel, gemeinsam mit betroffenen jungen Erwachsenen eine Wohnform zu entwickeln, welche ihren Bedürfnissen gerecht wird. Mittels einer partizipativen Vorgehensweise wurde mit den jungen Erwachsenen und ihren Familien herausgearbeitet, wie sie konkret leben wollen. Mittelfristig wird eine grösstmögliche Selbständigkeit in der Lebensführung, unabhängig von der eigenen Familie, angestrebt.

Dieses Ziel kann mit der Miete der Cluster-Wohnung nun umgesetzt werden.  In den sechs Einheiten werden 6 Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammenwohnen. Grundsätzlich wird von einem normalen und natürlichen Zusammenleben ausgegangen, in welchem den Menschen ohne Beeinträchtigung kein pädagogischer oder pflegerischer Auftrag zukommt.

Die 2 bereits bekannten Mieter bestimmen weitgehend selbst, wer ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sein sollen.

3.2 Räumlichkeiten

Die Stärke dieser Cluster-Wohnung liegt in der möglichen Aufteilung von allgemeinen und privaten Räumen. In der Projektentwicklung hat sich herausgestellt, dass im Kontrast zu bestehenden institutionellen Wohngruppen und der grundlegenden Struktur von WGs die Privatsphäre ein grosses Gewicht erhält. Für die jungen Erwachsenen ist der gemeinsame Raum wichtig, allerdings auch die Möglichkeit, sich in die eigenen Räumlichkeiten zurückziehen zu können.

3.3 Unterstützung durch Personal und Assistenz

Im Sinne einer Wohngemeinschaft wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein grosser Teil der alltäglichen Aufgaben gemeinsam unter den Bewohnenden aufgeteilt wird. Hierfür wird im Verlauf der Projektentwicklung Zeit eingeplant. Für einzelne Aufgaben sollen die Bewohnenden möglichst eigenverantwortlich und selbstbestimmt professionelle Personen und Assistenzen anstellen können. Den jungen Projektteilnehmenden war es sehr wichtig, dass alle Aktivitäten gemeinsam geplant werden. Dies soll mit ihnen und nicht über ihre Köpfe hinweg geschehen.

4.   Organisation

Projektgruppe

Projektleitung:              Käthi Rubin, Geschäftsleitung insieme Kanton Bern

Projektteilnehmende:    Tino Kölliker mit Eltern

                                   Jonathan Schweyer mit Eltern

Projektbegleitung:         Nuria van der Kooy, Mitarbeiterin Wohnschule Pro Infirmis Zürich

                                   Dr. Tobias Studer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

Bei den genannten Personen handelt es sich um die Gruppe, welche im Projekt von insieme Kanton Bern von Anbeginn an involviert war.

Mieter: Tino (lebt mit einem Down Syndrom) und Jonathan (lebt mit Autismus) stehen fest